Kollektive künstlerische Ansätze in Ostberlin in den 1980er Jahren

WIR vs. ICH 

Veranstaltungsort:

STAATSGALERIE Prenzlauer Berg, Greifswalderstr. 218, 10405 Berlin

www.staatsgalerie-prenzlauerberg.de

Donnerstag 23.05.13, 20:30 Uhr

Um Anmeldung wird gebeten: info@formatedeswir.net

In den Vorgesprächen zu dieser Veranstaltung fiel auf, dass keiner der damaligen Akteure den Begriff  >Kollektiv< verwendete, da dieser in einem kollektiv organisierten sozialistischen System alles andere als widerständig gewesen wäre. Vielmehr trat in den 1980er Jahren das Subjekt mit überzogenem Gestus als Provokation auf und verhöhnte nicht zuletzt öffentlich den Staat. Roland Galenza bezeichnete die Situation damals in Ostberlin als „Wechselwirkungen offenen Ausgangs“, bei denen die künstlerischen Disziplinen sich auf kleinstem Raum verdichteten und verschränkten.

Die Veranstaltung bringt Protagonisten dieser Zeit zusammen, um anhand von Bild- und Tondoku-menten folgenden Fragen nachzugehen:

Welche Rolle spielte das WIR in einer Situation der politischen Subjektivierung?

In welchen Räumen und Kontexten und auf welchen Distributionswegen und mit welchen     Ressourcen fand künstlerische Produktion statt?

War automatisch alles subversiv was inoffiziell war?

Inwieweit kann man von einer vernetzten Szene sprechen?

Haben sich die künstlerischen Strategien und ästhetischen Konzepte mit dem Verschwinden des Staates, gegen den sie ursprünglich opponierten, erledigt?

Gäste: 

Frieda von Wild/ ccd

(zusammen mit Sabine von Oettingen, Katharina Reinwald, Esther Friedemann, Domenique Windisch, Robert und Jenny Paris, Frank Schäfer, Sven Marquardt, Jürgen Hohmuth uvm., 1983-88)

Die Abkürzung ccd stand für „chic, charmant und dauerhaft“ und spielte ironisch auf die Qualitätskriterien der offiziellen DDR-Modeproduktion an. Aus einer Mischung aus Langeweile und dem Wunsch nach einem individuellen Lebensentwurf wurde gemeinsam entworfen, was man sonst als Outfit oder Accessoire nicht kaufen konnte. Ohne staatliche Genehmigung und mit umso größerem Erfolg inszenierte die Gruppe diese Entwürfe dann in aufwendigen Modenschauen. Das Projekt Allerleirauh ging aus dem ccd-Umfeld später hervor.

Wolfram „Wollo“ Ehrhardt/ Der Demokratische Konsum

(zusammen mit Detlef „Deo“ Buschkowski, Heiko „der Bittere“ Röder, Ralf „Ralle“ Scherff, 1983-86)

Die Band trat ohne Auftrittserlaubnis, ohne eigene Instrumente und ohne Spielkenntnisse in Kellern und auf Dachböden im Kontext der Ostberliner Kassettenkultur auf, die sich in den Nischen der 1980er Jahre entwickelte, weil Plattenaufnahmen undenkbar waren. Offizielle Uniformen wurden zum Bandoutfit umgestaltet und schon im Namen spielte sie mit dem „verkrusteten Funktionärs-Sozialismus“.

Micha Brendel/ Auto-Perforations-Artisten

(zusammen mit Else Gabriel, Rainer Görß, Via Lewandowsky, 1985-1991)
Die Zusammenarbeit war eine „gemeinsam gefühlte Revolte“ (Brendel) von Bildenden KünstlerInnen, die entgegen der offiziellen funktionsorientierten DDR-Kunstauffassung absurde Performances und Inszenierungen bis hin zur Selbstverletzung zeigten.

Moderation:

Annett Gröschner, Autorin u.a. von Durchgangszimmer Prenzlauer Berg. Eine Berliner Künstlersozialgeschichte der 1970er und 1980er Jahre in Selbstauskünften,

mit Heimo Lattner und Annette Maechtel von Formate des WIR.

Literatur:

Pehlemann, Alexander/Galenza, Ronald: Spannung. Leistung. Widerstand. Magnetbanduntergrund DDR 1979-1990. Verbrecher Verlag, Berlin 2006

Galenza, Ronald/Havemeister, Heinz: Wir wollen immer artig sein… Punk, New Wave, Hip-Hop, Independent-Szene in der DDR 1980-1990. Schwarzkopf&Schwarzkopf Verlag, Berlin 1999

Warnke, Uwe/Quaas, Ingeborg: Die Addition der Differenzen. Die Literaten- und Künstlerszene Ostberlins 1979 bis 1989. Verbrecher Verlag, Berlin 2009

Felsmann, Barbara/ Gröschner, Annett: Durchgangszimmer Prenzlauer Berg. Eine Berliner Künstlersozialgeschichte der 1970er und 1980er Jahre in Selbstauskünften.

Lukas Verlag (2. Auflage), Berlin 2012

„Boheme und Diktatur in der DDR.Gruppen, Konflikte, Quartiere. 1970 bis 1989“

http://www.dhm.de/ausstellungen/boheme/katalog_vorwort.htm


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